VERSION AUF DEUTSCH — Das Ende ist es, wo wir anfangen — Teil 01, Kapitel 11-20

Teil 1, Kapitel 11

„Und allmählich, je mehr ich las und je wunderlicher und fremder mich das Hinunterblicken auf Dächer, Gassen und Alltag ergriff, tauchte des Öfteren zaghaft und beklemmend das Gefühl in mir auf, auch ich sei vielleicht ein Seher und die vor mir ausgebreitete Welt warte auf mich, dass ich einen Teil ihrer Schätze höbe, den Schleier des Zufälligen und Gemeinen davon löse und das Entdeckte durch Dichterkraft dem Untergang entreiße und verewige“.
–Hermann Hesse
Peter Camenzind

Bei diesem ersten Besuch bei Ann und Clayton, fühlte er sich fast so schüchtern, wie er es immer war, als er andere Leute zum ersten Mal kennen lernte. Außerdem war er sich davon sicher, dass sein Verhalten ihnen äußerst unbeholfen scheinen müsste. Er wollte aber glauben, dass, wenn sie ihn als unbeholfen sahen, sie gleichzeitig verstanden, dass er kaum umhinkonnte, einem Gefühl davon zu erliegen, sich über alles dankbar zu wundern, was er in ihrem Zuhause sah: die Zeichen von Intelligenz in allem, was sie taten, und in der Art und Weise, wie sie lebten, den Beweis dafür, dass sie an Schönheit Gefallen fanden. Die Einrichtungsgegenstände des Zimmers, in dem sie saßen, waren so schlicht und doch so voll von der Anmut und Schönheit prächtiger Kunstwerke, dass er eine Art von Ehrfurcht spürte, eine Ehrfurcht, die so groß war, dass, ab und zu, er sich auf das Gespräch mit Ann und Clayton kaum konzentrieren konnte.

Er fühlte sich von einem Gemälde besonders hingezogen, das schien, eine Art Einstieg in eine Welt der intensiven Farbe und Tiefe und ungewöhnlichen Form zu ermöglichen. Ann fragte ihn, ob es ihm gefiel.

„Ja“, sagte er mit einem Lächeln, „ich glaube, die Farben haben ein besonderes Merkmal, das ich sehr lange nicht gesehen habe. Es gibt da eine Art Leben und Bewegung – ich weiß nicht es zu erklären.“

Ann warf einen kurzen Blick auf das Holzscheit, das im Kamin brannte. Dann lächelte sie Clayton an. „Clay hat immer gewusst, solche Gemälde zu schätzen“, sagte sie. „Deshalb haben wir so viele davon, und dafür bin ich ihm sehr dankbar“.

David wollte fortfahren und ihnen das sagen, was er wirklich dachte und empfand, aber er wusste nicht, wie er das tun könnte. Er fühlte sich unbehaglich und ängstlich. Er hatte sie gerade kennen gelernt, und er wollte nicht etwas Dummes sagen. Gleichzeitig aber wollte er, dass sie möglichst viel über ihn wissen. Vielleicht auch damals spürte er, je mehr er ihnen über sich selbst erzählte, umso mehr würde er über sich selbst lernen. Das aber, was ihn am meisten beschäftigte, war ihm ein Bedürfnis, über das zu sprechen, was ihm sehr wichtig – sogar eilig – war.

„Vorm letzten Jahr in der Oberschule, habe ich Malereien kaum beachtet,“ sagte er. „Ich konnte nie verstehen, was andere Menschen darin sehen oder warum sie daran Gefallen finden.“

„Und was ist in diesem Jahr geschehen?“, fragte Clayton.

David beugte sich ein wenig vor und warf einen kurzen Blick um das Zimmer, das sich mit Licht und Farbe erfüllt und so sehr warm und einladend war. Er blickte sich nach allen Seiten um, als ob er die Antwort auf Claytons Frage irgendwo vor ihm in der Luft hätte sehen können. Im Hintergrund hörte er fast unbewusst die Komplexitäten von Bach, die schienen, wie Fäden von Musik miteinander verwoben zu werden. „In diesem Sommer“, fing er an, und seine Stimme klang für ihn etwas rauchig, „bin ich nach Europe mit einigen Schulfreunden gereist. Gegen Ende unserer Rundreise fahren wir nach Paris. Und natürlich, besuchten wir den Louvre“.

Plötzlich schien es sehr still in diesem Zimmer zu sein – David konzentrierte sich sehr auf seine Gedanken, und vielleicht taten Clay und Ann dasselbe. Das aber, was ihm eine ganze Menge in diesem Augenblick ausmachte – und in jedem ähnlichen Augenblick – war die Freisetzung von der Flut von Ideen, die bis dahin durch irgendetwas in seinem eigenen Geisteszustand zurückgehalten wurde, oder durch die Tatsache, dass ein Mensch ihm fehlte, mit dem er offen und auf eine echt tiefsinnige Art und Weise reden konnte. Und als er redete, allmählich erworben diese Gedanken ihr eigenes Leben, und dieses Leben hatte nur einen Imperativ: Das Bedürfnis, artikuliert zu sein, zum Ausdruck gebracht zu werden, einen Augenblick zu strahlen und vielleicht in den Geist oder in das Bewusstsein eines anderen Menschen aufgenommen zu werden.

Natürlich, je mehr er von all diesen Gedanken mitgerissen wurde, umso mehr Angst hatte er. Es war, als ob er plötzlich Lampenfieber hätte. Er stellte sich auch vor, dass er kurzatmig war und dass er spüren konnte, wie sein Herz schlug.

„Die impressionistischen Gemälde waren im Jeu de Paume. Eines Tages, als es regnete und Paris überall trüb und trostlos war und – ich weiß, dass es sehr dumm klingt – Paris auch wie eine Art Zauberstadt schien, bin ich allein dorthin gegangen – zum Jeu de Paume – früher bin ich irgendwohin allein verschwunden, immer wieder.

„Also jedenfalls, ich bin zum Jeu de Paume gegangen – es war eine Art Zufall, glaube ich – und dort waren sie: diese erstaunlichen Gemälde. Ich hatte nie zuvor solche Gemälde gesehen. Große Farbenregen – Farbenpracht, die so strahlend und klar und intensiv war, dass sie mich packte, wie sonst nichts es je getan hatte. Zum ersten Mal verstand ich, warum große Gemälde groß sind und warum man dachte, sie sind so sehr wichtig“.

Auf diese Art und Weise sprach er weiter; er konnte sich nicht bremsen. Alles andere war ihm jetzt gleichgültig: das, was Ann und Clay von ihm hielten, oder wie lächerlich sie ihn vielleicht finden konnten.

Als er redete, starrte er das Feuer im Kamin an, rückblickend auf diesen glänzenden Augenblick in der Vergangenheit, wo er das Jeu de Paume zum ersten Mal besuchte. „Ich hatte das Gefühl, dass die ganze Welt sich irgendwie auf irgendeine grundlegende Art und Weise bewegt hat, als es eine tiefe Veränderung in der Natur der Dinge gegeben hätte“.

Dann auf einmal hatte er Angst davor, dass er zu viel gesagt haben könnte. Er hielt nochmals inne und lehnte sich auf dem großen weißen Sofa zurück. Plötzlich aber war er davon überzeugt, dass Ann und Clay doch alles verstanden haben müssen, oder wollte er glauben, sie haben alles verstanden, und er fuhr fort, „Sehen Sie, nachdem ich diese Gemälde eine Zeitlang angeschaut hatte, fürchte ich beinahe, dass, wenn ich nach draußen ging, alles irgendwie anders wäre, alles anders aussehen würde. Aber dann dachte ich mir, dass alle Menschen diese Gemälde auf diese Art und Weise sehen müssen. Deshalb hängen sie da.

Das Licht aus dem Kamin tanzte und floss durch das Zimmer. Es erfüllt alles von seinem Glühen – den beigen Teppichboden und das Möbel, die edelsteinartigen Farben der Kunstwerke auf den Wänden, die langen weichen Falten der Vorhänge. Und irgendwo führte die Musik von Bach eine Vision weiter aus, die nicht ganz eine Vision einer anderen Welt oder einer anderen Zeit war, aber – oder so dachte David – eine Vision, die jeder Welt und jeder Zeit gehörte.

„Und glaubst du das jetzt?“ fragte Ann leise. „Ich meine, glaubst du immer noch, alle sehen diese Gemälde auf dieselbe Art und Weise, wie du sie siehst?“

Das war etwas, worüber er nicht nachdenken wollte. Es hatte für ihn zu viele bestürzende Implikationen. „Aber natürlich“, sagte er und versuchte möglichst zwanglos zu wirken, „auf diese Art und Weise sieht nicht jedermann. Das weiß ich. Das ist normal. Aber ich bin sicher, dass die meisten Menschen auf dieselbe Art und Weise sehen, wie ich. Die meisten intelligenten oder gebildeten Menschen“. Dann fügte er hinzu, „Nicht wahr?“

Ann und Clay warfen sich gegenseitig einen Blick zu.



Teil 1, Kapitel 12

„…der Konflikt zwischen Eliteschule und Elternhaus…, der manchem anderen von seiner Art die Jugendjahre belastet…und in manchen Fällen hochbegabte junge Menschen zu schwierigen und problematischen Charakteren macht“.
–Hermann Hesse
Das Glasperlenspiel

Während der Zeit, als er aufgewachsen ist, gab es ein so großes Gefühl der Instabilität bei ihnen zu Hause, dass es konnte ihm beinahe körperlich wehtun. Natürlich am Anfang, als er ein Kind war, konnte er diese Instabilität noch nicht ganz wahrnehmen. Er wusste, dass irgendetwas irgendwo schief zu gehen schien, aber er wusste nicht, was das war. Er hatte wirklich keine echte Möglichkeit, die Familie, in der er ein Mitglied war, mit dem inneren Leben anderer Familien zu vergleichen. Eigentlich dachte er sehr wenig an andere Familien.

Als er aber aufwuchs, zur Schule ging, mit ein paar anderen Schülern Freundschaft schloss und sie zu Hause besuchte, begann es, ihm zu scheinen, dass seine Familie nicht ganz ähnlich wie andere Familien war. Anscheinend wohnten andere Familien in Häusern, wo es ein dauerndes Gefühl der Wärme gab, ein Gefühl der Solidarität, eine Art Friedlichkeit und vor allem eine Stimmung davon, was er nur als Verständlichkeit bezeichnen konnte. All das fehlte dem Haus, in dem er wohnte.

Ihm wurde es allmählich bewusst, dass in diesem Haus es immer eine dunkle Befürchtung gab, eine vage Art Verwirrung, als ob nichts das wäre, was es zu sein schien oder was es sein sollte. Es war, als ob alles etwas anderes werden könnte, sehr leicht und jeden Augenblick, oder es könnte überhaupt nichts werden.

Er hatte nie das Gefühl, dass er materiell benachteiligt war. Das ständiges Gefühl aber, dass er in einer Familie aufwuchs, die immer am Rand des Zusammenbruchs zu sein schien, verursachte in ihm endlose Angst, Einsamkeit und Hilflosigkeit. Als er nicht mehr Kind war und anfing, Jugendlicher zu sein, sind diese Gefühle fast überwältigend geworden. Er war verzweifelt, und er glaubte, dass er nirgendwo Hilfe finden könnte, außerdem vielleicht bei Gott – insofern, als ein Junge wie er irgendetwas über Gott wissen konnte. Die Probleme, mit denen er konfrontiert wurde, schienen ihm so enorm, so kompliziert und fast so unlösbar, dass er glaubte, dass nur Gott mächtig genug wäre, mit ihnen fertig zu werden. Er glaubte, dass es keine Möglichkeit gäbe, dass er auf einem rein menschlichen Niveau Hilfe erhalten würde. Er war davon überzeugt, dass, wenn Gott ihm Hilfe leistete, Gott ihm durch das Eingreifen eines Priesters zu Hilfe kommen würde.

Manchmal glaubte er, dass, wenn irgendjemand ihm keine Hilfe leistete, er sich in den Ozean des neurotischen Verhaltens seiner armen Eltern einfach auflösen würde. Unter diesen Umständen, schien es ihm nur natürlich zu sein, dass er sich an Gott wenden würde. Er wurde katholisch großgezogen, mindestens im formellen Sinn des Wortes „katholisch“, und er hat von Gott durch das Lehren der Nonnen erfahren, wie alle anderen Kinder. Als er immer noch sehr jung war, hatten seine Eltern ihn jeden Samstagvormittag zum Katechese-Unterricht gehen lassen, und sie haben dafür gesorgt, dass er die Erste Heilige Kommunion empfing und dass er später gefirmt wurde. Innerhalb der Familie aber gab es gar keine Ermutigung, seinen Glauben auszuüben. Sonntags nahmen seine Eltern ihn und seinen Bruder zur Heiligen Messe mit, aber diese körperliche Anwesenheit in der Kirche, als der Priester die Messe hielt, schien der Anfang und das Ende jeder Beziehung zu sein, die die Familie zu Gott vielleicht haben konnten. Als die Zeit verging, begann auch diese entfernte Beziehung nachzulassen, jedenfalls für seine Eltern, und ihre Anwesenheit während der Heiligen Messe wurde seltener.

Für ihn aber ließ diese Beziehung nicht nach. Und als die gewöhnlichen Ängste und Verwirrung und Schwierigkeiten der Jugend vergrößert wurden, durch das unausweichliche Gefühl, dass seine Familie eine äußerst unglückliche Familie sein müsse und dass er ein äußerst unglücklicher Junge sei, dachte er weiter, dass etwas Desaströses passieren würde, wenn er nicht irgendwie, irgendwo, Hilfe von irgendjemandem erhielt. Sehr oft war er sich dessen bewusst, dass er diese Hilfe äußerst dringend brauchte.

Ein Grund dazu, dass er sich gezwungen sah, Hilfe zu suchen, war, dass die beherrschende Macht in der Familie bei weitem die Macht seiner armen Mutter war. Vielleicht, in gewisser Hinsicht, ist das bei den meisten Familien der Fall. Wenn aber ja, wird diese Familie glücklich sein, nur dann, wenn die Mutter ihre beachtliche Macht darauf verwendet, dass sie ihre Kinder und ihren Mann ermutigt, stark zu sein und ihre völle Größe zu erreichen.

Leider in Davids Familie hat seine Mutter nicht auf diese Art und Weise ihre Macht benutzt, was zur Folge hatte, dass das Leben eine Art Albtraum war, für alle anderen im Kreise der Familie.

Sie war eine vielschichtige und intelligente Frau, und auf ihre eigene traurige Art und Weise konnte sie ohne jede Rücksicht agieren, als sie versuchte das zu erreichen, was sie wollte. Ihre Intelligenz aber war eingeengt und unfrei und hatte sich in sich selbst zurückgezogen. Diese Intelligenz wurde schließlich enorm destruktiv – auf die eine oder andere Weise vernichtete und ruinierte sie alles, was sie anrührte.

Was oder wer hat sie eingeengt und unfrei gemacht? Der Zustand unserer modernen Gesellschaft und deren Erwartungen? Vielleicht, in gewisser Hinsicht. Persönliche Grenzen oder Handikap resultieren oft aus Selbstsüchtigkeit. Also ist es vielleicht die Gesellschaft, in der wir leben, die diese Grenzen gewissen tragischen und Mitleid erregenden Frauen möglicherweise dadurch auferlegen kann, dass diese Gesellschaft die Selbstsüchtigkeit unterstützt, unter der alle Menschen vielleicht leiden, in gewissem Maße. Unsere Gesellschaft kann diese Selbstsüchtigkeit so weit hervorrufen, dass es nichts im Herzen der armen Frau übrig bleibt, außer Selbstsüchtigkeit, und es kann eine Art Selbstsüchtigkeit werden, die sich tarnt und ausdrückt, auf tausenderlei geniale Art und Weise, jede davon für all diejenige ungünstig, mit denen die Frau in Berührung kommen mag.

Und dann erzeugt Selbstsüchtigkeit auch andere Eigenschaften der Persönlichkeit: Habgier, zum Beispiel, und die Tendenz zu versuchen, alles und alle in Reichweite zu dominieren.

Er dachte aber, dass es unrecht von ihm wäre, Frauen wie seine Mutter für ihr Benehmen verantwortlich zu machen. Er sagte sich, wenn das Handeln solcher Frauen die Folge der Grenzen sind, die die menschliche Gesellschaft ihnen setzt, dann sollte die Schuld daran der menschlichen Gesellschaft gegeben werden, und nicht den Frauen. Selbstverständlich müssen Männer über alle Grenzen hinausgehen, die ihnen auferlegt werden, aber wo es um Frauen wie meine arme Mutter geht, kann man so etwas nicht erwarten. David glaubte, dass Frauen nicht dafür verantwortlich sind, über die ihnen auferlegten Grenzen hinauszugehen, sondern es ist die Gesellschaft, die dafür verantwortlich ist, diese Grenzen zu entfernen. Außerdem war er davon überzeugt, dass, egal welche Fehler die Gesellschaft in Frauen eingeprägt haben mag, diese Fehler nicht beachtet werden müssen. Er glaubte auch fest, dass Frauen nicht dazu verpflichtet sein sollten, von sich aus die Initiative zu ergreifen und diese Fehler korrigieren; überdies muss die Schuld an diesen Fehlern nicht ihnen gegeben werden.

Er glaubte, man konnte seiner Mutter überhaupt keine Schuld geben.

(Fortsetzung folgt.)

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