VERSION AUF DEUTSCH — Das Ende ist es, wo wir anfangen — Teil 01, Kapitel 01-10
Bemerkung: Diese deutsche Übersetzung wird von dem Autor durchgeführt, nur als eine Art Sprachübung.
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Das Ende ist es, wo wir anfangen
Ein Roman
von Robert John Bennett.
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Urheberrechtlich geschützt 2008 — Robert John Bennett
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INHALT
Die Ironie ist die Fröhlichkeit und die Freude von der Weisheit. - Anatole France
. . . und vertraue dem Erzähler niemals. - Mittelenglisches Sprichwort
„Mein lieber Freund,” sagte er, „es gibt keinen Grund dazu, überrascht zu sein oder dich in deinen Erwartungen getäuscht zu sehen. Es passiert oft, dass das autobiographisches Element eines Romans überhaupt nicht der Erzähler ist, sondern der Charakter, den der Erzähler beschreibt.” – Nils Sondergaard
Teil Eins:
Harvard — das erste Jahr
Teil Zwei:
Beurlaubung von Harvard — Ostafrika
Teil Drei:
Harvard — die zweiten und dritten Jahre
Teil Vier:
Von Harvard ferngeblieben —
von der Arktis nach dem Nahen Osten
Teil Fünf:
Harvard — das vierte Jahr
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Teil Eins:
Harvard — das erste Jahr
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Teil 1, Kapitel 1
Forsitan et haec olim meminisse juvabit….
–Vergilius
Aeneidos
Eines Tages wird es vielleicht angenehm, sich auch an diese Dingen zu erinnern….
–Vergil
Die Äneis
Er würde nicht von dir erwarten, dass du glaubst, eine Geschichte wie diese könnte der Wirklichkeit entsprechen. Manchmal konnte auch er es nicht glauben. Viel davon musste er sich zwingen, sich daran zu erinnern; auf viel davon war er nicht sehr stolz. Eigentlich aber hatte er das Gefühl, dass sein Leben ziemlich bedeutungslos wäre, wenn er nicht versuchte, allerwenigstens, irgendetwas davon schriftlich festzuhalten, egal wie plump und unbeholfen sein Schreiben sein könnte. Und egal wie viel Angst er davor haben könnte, seine Geschichte zu erzählen.
Diese Geschichte handelt sich um einen Jungen, um einen jungen Mann in Harvard, einen, der das Gesicht eines Unschuldigen hatte – strahlend, offen, aber manchmal auch ratlos und verletzt. Er war erfüllt von Energie und Ideale und einer jugendlichen Liebe zu allem, was er über das intellektuelle Leben gelernt hatte. Natürlich glaubte er, dass er ein wenig von den schmerzlichen und hässlichen Seiten des Lebens wüsste, aber er war fast überzeugt davon, dass all das relativ unwichtig wäre. Er glaubte, dass das Einzige, was er zu tun hätte, sei, diese Seite des Lebens aus seinen Gedanken herauszudrängen. Er wusste, dass es Böses auf der Welt gäbe, aber was ihn betrifft, gab es nichts Böses, dem er nicht ausweichen konnte, nichts Böses, worum er sich eigentlich kümmern musste, nichts Böses, das ihn je beeinflussen würde.
Am Anfang in Harvard, war die Art von Professor, in dessen Vorträgen Seelengröße mitschwang, das, wovon er sich am meisten bewusst war. Diese Professoren aber konnten ihm auch eine seltsame Sorte von Schmerz und Verlegenheit bereiten, wegen der selbstgefälligen, spöttischen und herablassenden Art und Weise, wie sie über die großen Schriftsteller und Dichter der englischen Literatur sprachen. Als sie das taten, erregten sie in ihm ein merkwürdiges Gefühl von Demütigung im Namen dieser längst Gestorbenen, die der Lächerlichkeit so elegant und gewandt preisgegeben wurden.
Also, weil dieser junge Mann den Hochmut eines Heranwachsenden hatte, schwor er sich, auf irgendeinem tiefen Niveau seines Geistes und ohne wirklich zu verstehen, was er tat, dass niemand seine Schriften mit diesem wenig mitfühlenden Auftreten mustern würde. Es würde, versprach er es sich, keine Schriften zu mustern geben.
Später aber ist er zu der Einsicht gelangt, dass er wenigstens seine eigene Geschichte schreiben müsste und dass er dabei hoffen bräuchte, dass andere Menschen diese Geschichte mit möglichst großem Mitgefühl und Verständnis lesen würden. Er hoffte auch, dass sie die Art und Weise übersehen würden, wie er sich äußerte. Es war die einzige Art und Weise, wie er sich äußern konnte. Er musste alles verschlüsseln, sozusagen, in seiner Begriffsstutzigkeit und Dummheit. Er dachte, dass Begriffsstutzigkeit und Dummheit ihn schützen würden, vor der Beachtung von irgendjemand, der darüber lachen würde, was er zu sagen hatte. Er war so hochmutig, dass er nie aufhörte, sich um solche Dinge Sorgen zu machen.
Er hoffte auch, dass einige Leute versuchen würden, hinter der Verschlüsselung zu sehen. Er hoffte, dass sie denken würden, das sei der Mühe wert. Wenn sie aber ab und zu nicht umhinkonnten, ihn auszulachen, würde er es verstehen. Er war hochmutig, aber auch er konnte sich auf jeden Fall auslachen.
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Teil 1, Kapitel 2
“There are no dangerous thoughts, thinking itself is dangerous.”
–Hannah Arendt
The New Yorker, December 5, 1977
“Es gibt keine gefährlichen Gedanken, das Denken selbst ist gefährlich.“
–Hannah Arendt
In Harvard zu studieren, das war für David so wichtig, dass er das Gefühl hatte, sein Leben würde nur dann richtig anfangen, als er Harvard endlich erreichte. Seit langem wird Harvard für ihn der Mittelpunkt der Welt. Harvard sogar war die Welt manchmal, denn er konnte an nichts anderes denken, in den Monaten, die vor seiner Reise nach Cambridge vergangen sind.
Er hatte das Gefühl, dass die Universität in gewisser Hinsicht ein endlos geheimnisumwitterter Ort sei, mit Tausenden von heimlichen Öffnungen, die in unendlich weitläufige Dimensionen führten.
Er rechnete damit, dass er in Harvard die Art Freunde finden würde, nach denen er sein ganzes Leben lang suchte. Es wären begabte Freunde, instinktiv liebevolle Freunde, die ein tiefes und intuitives Verständnis für einander und für die intellektuelle und materielle Welt, die sie umgab, hatten. Sie würden sich alle an Gesprächen über die größten Wahrheiten und die höchsten Ideale beteiligen. Ihre Ideen würden sich spiegeln und vervielfachen, bis diese eine Art von engelhaftem Glanz annahmen. Zusammen würden David und seine Freunde ferne und bis dahin unbekannte Gedankenwelten erforschen. Alles, nach dem sie suchten und nicht finden konnten, würden sie für sich selbst gestalten. Ein ganzes Universum von Weisheit würde vor ihnen liegen, und sie würden sich durch dessen endlose Gebiete bewegen, als ob sie dort zu Hause wären.
Er wusste, dass es viele Leute gebe, die sagen würden, dass solche Träume durch seine eigene überwältigende Einsamkeit verursacht wurden, und er vermutete, dass das wahr sei. Seine Träume aber wurden auch durch alles verursacht, was er über Harvard gelesen hatte, und über die Menschen, die dort studiert hatten.
Auf fast jeder Seite der Literatur und Geschichte seines eigenen Landes sah er sich mit Andenken dieser Menschen und dieser Universität konfrontiert. Es war, als es wenigstens versteckte Hinweise darauf gäbe, in beinahe allem, was er las, so dass, auch bevor er dorthin ankam, Cambridge diese „ferne, glänzende Stadt“ für ihn geworden war.
Wahrscheinlich jetzt wäre auch er der Meinung – das Leben muss ihn davon überzeugt haben – dass all das gefährliche Illusionen seien, obwohl er damals gewiss nicht dachte, sie seien Illusionen.
Das aber, was die Sache noch schlimmer machte, war, dass, als er endlich nach Cambridge kam, die Wirklichkeit von allem, wovon er geträumt hatte, schien, dadurch bestätigt zu werden, dass die dingliche und materielle Umgebung dem ähnelte, was er hatte sehen wollen und womit er gerechnet hatte.
Alles glühte in diesen weichen Farben eines Herbstes in Neuengland. Die Gebäude auf dem Harvard Yard wurden nur aus Ziegelsteinen und Granitblöcken gebaut, aber als er sie durch seine unschuldigen – oder wenigstens unreifen – Augen ansah, leuchteten sie wie Juwelen. Alles wurde lichtgeladen, sozusagen, und die mehrfachen Reflexionen strahlten durch seine Gedanken aus. Der ganze Harvard Yard wurde aufgeleuchtet, als ob durch Feuer, vor den Herbstfarben der Bäume, die sich hoch oben bogen und nacheinander griffen und dabei das Zentrum der Universität zu einer einzigen enormen Kathedrale aus Farben machten – auf jeden Fall in seinen Augen.
Natürlich sprach er über diesen Ideen mit niemandem, zumindest nicht am Anfang. Warum sollte er das tun? Zunächst hielt er es für selbstverständlich, dass alle andern die Welt sahen, genauso wie er es sah.
Als es aber anfing, ihm zu dämmern, dass die Welt, die er wahrnahm, könnte vielleicht ganz anders sein, als diejenige, die andere Menschen sahen, wurden all diese neuen inneren und äußeren Aspekte für ihn immer rätselhafter. Er suchte nach jemandem, der ihn beruhigen und seine Wahrnehmungen bestätigen würde, aber niemand in seine Umgebung etwas anbieten konnte, abgesehen davon, dass alle ihm sagten, er müsste einfach glauben, dass sie alles sehr gut verstünden, was er erführe.
Er war überbereit, ihnen in dieser Hinsicht zu vertrauen. Eigentlich glaubte er sehr gern, dass andere viel mehr über ihn wussten, als er selbst es wusste, weil ein solches Vertrauen es ihm leichter machte, in einer Welt zu leben, die immer verwirrender wurde.
Wenn er ab und zu vermutete, dass, trotz dem, was sie sagten, andere Leute gar keine Ahnung davon hatten, was ihm am wichtigsten sei, wunderte das ihn nicht, egal was er sonst noch empfunden haben mag.
Warum sollten andere Leute eine Ahnung davon haben, was ihm lieb sei? Schließlich hatten seine Eltern keine Ahnung davon. Manchmal benahmen sich diese, als ob sie gar nicht wüssten, dass er existiere. Auf jeden Fall konnten sie nicht wissen, was im Kern seines Wesens lag. Eigentlich schien es, als ob sie das nicht wissen wollten.
Seine Eltern gingen den Angelegenheiten ihrer täglichen Leben nach, als ob er unsichtbar wäre. Also, sagte er sich, wenn das, was er dachte und tat, keine Wirkung auf seine eigene Eltern zu haben schien, dann dürften die Unwissenheit oder die Gleichgültigkeit oder das vorgetäuschte Verständnis anderer Leute nicht ungewöhnlich zu sein scheinen. Trotzdem jagten ihm solche Dinge irgendwie Angst ein.
Natürlich waren nicht alle gleichgültig, aber diejenigen, die es nicht waren, glaubten, dass er schließlich enttäuscht werden würde, obwohl sie ihm damals nicht sagen wollten oder es nicht sagen konnten.
Später schloss er daraus, dass diese Menschen schon oft den Schmerz anderer Studienanfänger gesehen haben müssten, die unrealistische Erwartungen darin gesetzt hätten, was Harvard sein würde.
Diese Art Studienanfänger in Harvard hatte es immer gegeben, der entdeckte, dass er alles anders sähe, als die meisten Menschen. Als diese Entdeckung stattfand, war die erste Reaktion dieses jungen Mannes, eine fast unwiderstehliche Sehnsucht danach zu spüren, jedem Menschen, den er mochte, seine Welt zu beschreiben, als ob er ein unermesslich wertvolles Geschenk hatte, das er ihnen machen wollte.
David war einer dieser Studienanfänger, der eine Beschreibung davon ausschütten musste, was er gerade gesehen oder erfahren hatte. Gleichzeitig, als er das tat, hatte er einen Gesichtsausdruck, der so offen, so redlich, so verletzlich aber auch seltsam aggressiv war, dass er fast idiotisch schien, als ob der Junge irgendein merkwürdig unschuldiges Wesen wäre, der seine Freunde ansprach, nur um der Liebe willen, die er für sie empfand.
Alles aber, was diese Art Junge sah und beschrieb, enthielt ein ernüchterndes und ergreifendes Element: Die Möglichkeiten waren so sehr groß, dass er nie überleben würde. Er war inneren Kräften ausgeliefert, Kräften – man konnte sie kaum „Stärke“ nennen – die ihn zwangen, die Welt um ihn herum anzuschauen und das zu berichten, was er dort sah und empfand, ohne Rücksicht auf die Folgen.
Für andere Menschen war das Problem, dass das, was ein solcher junger Mann sah oder empfand, auf keine Art und Weise bestätigt werden konnte. Also fragten sie sich, ob es sich lohne, ihm zu helfen zu überleben. Schließlich könnte er einfach noch ein begeisteter Heranwachsender sein?
Und wenn er das nicht war, dann was war er, wirklich? Auf jeden Fall, sagten sie sich, vielleicht stellte er eine Bedrohung ihrer Existenz dar, der Art und Weise, wie sie die Welt sahen.
Trotzdem konnte ein solcher junger Mann das Interesse seiner Freunde und anderer Leute so wach halten, dass alles andere in ihren Augen geringer wurde, im Vergleich zu ihm. Leider konnten sie ihn nie wissen lassen, dass das der Fall sei. Also schien es ihm, dass das, was er sah oder dachte, relativ wenig wert sein muss.
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Teil 1, Kapitel 3
„Schrecklich ist die Verführung zur Güte“.
–Berthold Brecht
Er sah nicht anders aus, als die anderen Studienanfänger, die über den Harvard Yard eilten. Er trug das, was alle damals trugen, nämlich eine Jacke und Krawatte, und er hatte das frische und fast zu saubere Aussehen, das um diese Zeit irgendwie schien, typisch amerikanisch zu sein. In seinen eigenen Augen aber, war er voller Makel und Unvollkommenheit, und gelähmt durch Unsicherheit.
Und doch war er sehr oft glücklich, während dieser ersten Tage in Harvard, teilweise darüber, dass er in der Tat wirklich in Harvard war. So viele Menschen, deren Leben er bewunderte, hatten ihre Ausbildung in Harvard erhalten, wurden in Harvard geformt. Und jetzt war auch er da.
So viele große Geister sind in Harvard geformt worden. Also müsse auch er echter Größe fähig sein, glaubte er, ohne daran zu denken, dass es Hunderte von anderen Harvard-Studienanfänger um ihn herum gab, die genau dasselbe glaubten.
Er hatte auch keine Ahnung, wie seine angebliche Fähigkeit zu Größe sich äußern würde, aber er ging davon aus, dass das einfach in der Natur der Dinge liege. Er ist zum Schluss gekommen, dass, letzten Ende, ein echt großes Leben – wie ein echt großes Kunstwerk – einzigartig ist. Es gibt nichts, das die entfernteste Ähnlichkeit mit so einem Leben hat. Also, fragte er sich, wie kann jemand wirklich im Voraus wissen, wie so ein Leben aussehen wird oder welche Kräfte es gestalten werden, und wie es auf diese Kräfte reagieren wird?
Als er aber von Größe träumte, natürlich zur gleichen Zeit quälte ihn sehr oft ein fast vollkommener Mangel an Selbstvertrauen; manchmal wurde er auch von einem Gefühl der Unzulänglichkeit beinahe überwältigt. Obwohl es ihm normal schien, zu den großen Geistern der Vergangenheit aufzusehen, trotzdem fühlte er sich begriffsstutzig und unfähig, als er sich mit anderen Harvard-Studienanfänger verglich – und es muss noch einmal gesagt werden, dass es ihm nie einfiel, dass eine große Menge von ihnen dasselbe Gefühl hatte.
Er tritt während des Essens in den Speisesaal ein und sah diese Massen von jungen Männern. Er wusste, er einfach wusste, dass sie alle sehr klug und intelligent seien; sie schienen ganz anders als er: Die sahen unvergleichlich sorglos und unbefangen aus. Wie konnten sie von demselben nagenden Gefühl der Besorgnis überhaupt befallen sein, das er hatte? Sie waren so sehr selbstbewusst einander gegenüber; sie konnten alle so sehr leicht und fließend unter sich reden. Er sah zu, wie sie sich selbstsicher bewegten und er wusste – aus tiefster Seele wusste er es – dass sie alle die Natur intelligenter junger Könige teilten, während er sich selbst so vorkam, als ob er ein Niemand wäre.
Als er mit ihnen redete, natürlich konnte er gewöhnlich eine Weile tun, als ob er sich beherrschte, so gut wie sie, aber er konnte die Verstellung nicht sehr lange aufrechterhalten. Bald fühlte er sich isoliert und ängstlich. Er fragte sich, wie all die anderen so entspannt aussehen konnten, und wie sie mit einander so mühelos reden konnten.
Wie konnten sie sich einander so brillant erwidern? Wie konnten sie so viel gelernt haben, und er so wenig? Er fragte sich, ob er je aufhören würde, sich unbehaglich zu fühlen, in der Gegenwart dieser Zeitgenossen, die – er war sich dieser Sache sicher – eine höhere Denk- und Verhaltensweise erreicht hatten.
Viele Jahre später, sagte einer seiner Bekannten, dass er nicht schüchterner oder unbeholfener gewesen wäre, als der durchschnittliche Studienanfänger in Harvard. Man sagte ihm, dass fast jeder Studienanfänger in Harvard manchmal glaube, dass er ein einfacher Bürgerlicher sei, unter adligen Wesen vornehmer Abkunft. Und jeder normalerweise verbirgt den anderen sein ihn schmerzendes Gefühl der Unsicherheit, auf dieselbe Art und Weise, wie David es tat.
Wenn er sich unter den anderen Studenten hätte sehen können, hätte er gewusst, dass er so gut dachte und sprach und sich bewegte, wie die Besten unter ihnen. Allem Anschein nach, schien auch er einer der goldenen Jugendlichen, ein halbverkleideter junger König. Später fällt es ihm schwer, das zu glauben. Es wäre ihm damals sogar schwerer gefallen, so etwas zu denken.
Trotzdem, wenn er doch ein König wäre, bestand sein Land aus den Gebieten seiner eigenen Gedanken: einem Innenbereich, wo die ersten gravierenden Konflikte schon anfingen, sich zu rühren.
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Teil 1, Kapitel 4
„Ach Harry, wir müssen durch so viel Dreck und Unsinn tappen, um nach Hause zu kommen! Und wir haben niemand, der uns führt, unser einziger Führer ist das Heimweh“.
–Hermann Hesse
Der Steppenwolf
Andere Menschen würden später sagen, dass seine Konflikte nur Anzeichen extremer Labilität seien.
Wo es sich um solche Sachen handelte, auch wenn diese Sachen ihn betrafen, war David längst zu dem Schluss gekommen, dass seine eigene Meinung wenig zählte. Natürlich aber, wenn irgendjemand ihm danach gefragt hätte, hätte er gesagt, dass er glaube nicht, diese Konflikte seien Anzeichen der Labilität, ob extrem, ob mäßig.
Er hat immer gedacht, dass diese Konflikte sich ergaben, als ein junger Mann sich abmühte, gut zu bleiben. Natürlich damals konnte er sich nicht dieser Sache sicher sein, weil er immer gelesen hat, dass alle Menschen neigten dazu, sich in solchen Fragen zu täuschen, und er glaubte, dass das stimme. Er dachte, der einzige Weg, diese Tendenz auszugleichen, war, jede verheerende Bewertung von ihm kritiklos hinzunehmen. Er glaubte, die Wahrheit würde schließlich herauskommen.
Andere Menschen – seine Mutter, sein Stiefvater, verschiedene Lehrer, Priester, Psychiater, Freunde – müssen immer Recht haben, dachte er. Auch wenn diese nicht Recht hätten, glaubte er, dass es eine Art Tugend sei, alles hinzunehmen, ohne eine Auseinandersetzung, was sie über ihn sagten.
Später, natürlich, begann auch er, sich nicht all das zusammenreimen zu können, was alle von ihm hielten, weil er sehen konnte, wie oft die verschiedenen Meinungen über ihn sich selbst widersprachen. Allmählich gewann er den Eindruck, dass die Meinung von ihm, die andere Menschen hätten, eigentlich in gar keinem Zusammenhang mit ihm oder mit seiner Persönlichkeit oder mit seiner Situation stünde. Allmählich dämmerte es ihm, dass der Rat von anderen Menschen vielleicht nicht darauf gerichtet sei, ihm zu helfen, sondern vielmehr darauf, irgendein Bedürfnis zu befriedigen, das sie selbst hätten.
Selbstverständlich, wenn er irgendjemandem erzählt hatte, dass er so etwas dächte, hätte man gesagt, dass solche Ideen seinerseits einfach noch ein Anzeichen für einen unausgeglichenen Geisteszustand wären. Diese Meinung über ihn hätte er – ausnahmsweise – nicht hingenommen, obwohl er sich nie darüber gestritten hätte. Er hätte sich einfach daran erinnert, dass schließlich, ganz egal was die Wahrheit sein mag, es die Wahrheit ist, die sich im Laufe der Zeit offenbaren wird, und so klar, dass die Leute keine andere Wahl haben werden, als sie zu akzeptieren. Er glaubte, dass auch wenn Menschen leidenschaftlich behaupten, dass irgendetwas der Wahrheit entspricht, und dadurch glauben, dass sie es wahr machen können, werden ihre Illusionen und Selbsttäuschungen schließlich vergessen werden, auf dieselbe Art und Weise, wie man aufwacht und einen Traum vergisst. Nur die Wahrheit wird übrig bleiben.
Erst später aber wurde diese Denkweise echt voll entwickelt. Am Anfang seines ersten Jahr in Harvard, fiel es ihm schwer, solche Gewissheit zu haben. Er konnte nur verstehen, dass er in einer Welt lebte, die andere Menschen als voll von Illusionen betrachtet hätten, wenn sie das gewusst hätten, was er wirklich dachte.
Wie schon darauf hingewiesen, stand im Mittelpunkt der Welt Davids die Frage von Größe. Es war natürlich nicht unbedingt seine eigene Größe, sondern wenigstens die Vorstellung von Größe im Allgemeinen. Es schien ihm, dass alle um ihn herum ständig von Größe redeten. Diese Sache war anscheinend ein ganz normales Element der Welt in Harvard. Er hörte es in den Vorträgen bestimmter Professoren, Vorträgen, die schienen, einen Sinn für die endlose Dimension zu verraten, nach der er suchte, als er nach Harvard kam, eine Dimension, die eigentlich das sich weithin erstreckende Gebiet des menschlichen Geistes war.
Merkwürdigerweise – wenn man Davids Interessen betrachtet, aber vielleicht nicht so merkwürdig, wenn man sich daran erinnert, welcher Bereich des intellektuellen Lebens den größten Einfluss auf unsere Welt jetzt ausübt – war es während der Vorträge eines Professoren für Naturwissenschaft, wo David zum ersten Mal auf dieses ganz neue Gefühl für das Leben stieß.
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Teil 1, Kapitel 5
„Warum war denn dieses Sternbild dem jungen Werther so teuer? Weil er, so oft er es sah, immer wieder erkannte, dass er vor ihm durchaus kein Atom und kein Nichts war, dass diese ganze unermessliche Tiefe der geheimnisvollen Wunder Gottes durchaus nicht mehr bedeute als sein Denken, als seine Erkenntnis, nichts Höheres ist als das in seiner Seele enthaltene Schönheitsideal und folglich ihm gleich ist und ihn mit der Unendlichkeit des Seins verbindet…“
–Fiodor Dostojevski
Tagebuch eines Schriftstellers
Er tritt in den hinteren Teil des Hörsaals in Burr Hall ein und blickte hinunter, auf das tief unter ihn liegende Podium, das am Ende einer steilen und fast Schwindel erregenden Neigung von Sitzen errichtet wurde. Diese Aussicht verursachte ein Hochgefühl. Gleichzeitig gab es auch etwas Furcht Erregendes. Er war einsam; er sah sich mit einer unbekannten Welt konfrontiert, oder wenigstens mit einer ihm unbekannten Welt. Egal, was er über die Frage der Größe gedacht haben mag, genau in dem Augenblick brachten ihm solche Ideen gar kein Selbstvertrauen.
Er setzte sich irgendwo in die Mitte des Hörsaals und sah zu, wie seine Kommilitonen eintraten: die jungen Männer, unterschiedlich gestimmt, einige nachdenklich und einige lachend, und die jungen Frauen von Radcliffe, fast alle sehr ernst. Dann, um genau acht Minuten nach der vollen Stunde, trat Professor George Wald ein, und seine Anwesenheit stand sofort im Brennpunkt des Interesses.
Wenn es jemals einen Professor in Harvard gab, der sich wie ein Mitglied einer intellektuellen Aristokratie benahm, war es George Wald. Gleichzeitig aber konnte man immer einen humoristischen Anflug in seinem Auftreten spüren, eine Art von leiser Selbstverspottung. Das leise Lächeln, das ihm fast immer im Gesicht geschrieben stand, schien meistens auf ihn selbst gerichtet zu werden. Manchmal aber verzog sich sein Lächeln zu einem breiten Grinsen und leuchtete, als ob er uns sagen wollte, „Es ist mir ein echt großes Vergnügen, Sie alle hier zu sehen! Es ist eine wahre Wonne, dass wir alle da sind, oder?“ In solchen Augenblicken hatte David den Eindruck, dass Walds Gesicht die Art Licht widerspiegelte, das man in einem Gemälde von Rembrandt finden konnte. Ringsherum schien die Luft selbst, irgendwie, vor freudiger Erwartung zu glänzen.
George Wald schwieg einen Augenblick und sah sich im Hörsaal um. Er lächelte, als ob er die Beachtung genösse, die dreihundert junge Geister ihm schenkten. „Wir werden heute Morgen anfangen,“ sagte er, „mit der Darlegung eines Gedankens, das heutzutage fast ein Gemeinplatz ist: die Idee, dass wir alle aus demselben Stoff gemacht sind, der die Materie sterbender Sterne einmal bildete.“
Damals für David war diese Idee kein Gemeinplatz, und als Professor Wald sie zum Ausdruck brachte, stellte David sich vor, dass er das verstand, was einer der alten Entdeckungsreisenden empfunden haben muss, als er in ein Land einreiste, das niemand wie er jemals gesehen hatte. „Unser Sonnensystem,“ erklärte Wald, „mit seinen Planeten und allen Geschöpfen, die auf unserer Welt leben, ist ein Nebenprodukt des Todes einer früheren Generation von Sternen.“ Er hielt inne und, mit seinem bekannten Sinn für das Dramatische, ließ er uns die Implikationen ins Bewusstsein dringen. „Auch rein materialistisch betrachtet,“ fuhr er fort, „sind wir Menschen nicht ohne Wichtigkeit im Kosmos. Wir haben ein Recht darauf, sich überall zu Hause zu fühlen, wir haben ein Recht darauf, eine Verwandtschaft mit den Sternen wahrzunehmen – und mit allem, was diese dem menschlichen Geist immer bedeutet haben.“
Wie man vielleicht hätte erwarten können, an einer Universität wie Harvard, gab es ein paar Studenten, die Wald dann auszischten, mehr oder weniger aus Scherz. Wald, wie immer, reagierte durch eine kleine Handbewegung und ein freudiges Lächeln. Er wusste, dass er die Gedanken der Studenten ergriffen und ihre Vorstellungskraft vervielfacht hätte.
Als der Vortrag zu Ende war, ging David nach draußen. Walds Vortrag hatte ihm zahlreiche neue Anregungen gegeben. Gleichzeitig aber, in einem kleinen, dunklen Bereich seines Denkens spürte er die Art Unbehagen und Verwirrung, die ihn zu einem gewissen Grad sein Leben lang begleitet hatte.
Unbehagen, Verwirrung und Angst – alle drei waren die Folge eines andauernden, scheinbar endlosen Kampfes. Einerseits spürte er den Wunsch danach, ein guter Mensch zu sein – was einige als naiv bezeichnet hatten. Andererseits wurde er dem unerbittlich steigenden Bewusstsein der Existenz des Bösen auf der Welt und auch das Potenzial an Böse, das er – wie alle Menschen – auch hatte. Er dachte daran, was der Heilige Augustinus einmal geschrieben hatte: nämlich, dass es keine böse Tat gibt, die ein Mensch je begangen hat, die nicht von allen Menschen begangen werden könnte.
David glaubte auch, dass er das Böse einfach ignorieren könnte, egal welches Böse es wäre und egal wo er es vielleicht wahrnehmen würde. Er war sich davon sicher, dass er seine Gedanken einer anderen Sache einfach zuwenden könnte. Er war davon überzeugt, dass er schließlich, als die Jahre vergingen, nicht mehr von all dem gestört wäre, das unrecht ist, unrecht nach den Kenntnissen, die er schon in früher Jugend erworben hatte. Nicht gestört zu sein - das könnte er lernen. Letztendlich war es nicht das, was so viele andere Menschen getan hatten? Es wäre ihm doch ein Leichtes, dasselbe zu tun, oder?
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Teil 1, Kapitel 6
„…Ehrgefühl …gegen einen, den es zu vernichten galt“.
–Thomas Mann
Joseph und Seine Brüder
Im Glanz dieses Herbstnachmittags, schien das Zeitlose fast wahrnehmbar zu sein. Alles war frisch, neu und mysteriös: strahlende Möglichkeiten boten sich ihm an, durch alles, was er anschaute: das Licht, das auf die Backsteine eines Türrahmens fiel; die weißen, in der Sonne leuchtenden, georgianischen Türme, die nach dem sanften Himmel von Cambridge griffen; der plötzliche Bogen der Flügel einiger Vögel, als sie sich jäh in die Luft erhoben. All dies auch verursachte ihm ein Gefühl der Überraschung und Verwirrung, denn er verstand nicht, warum er die Welt auf diese Art und Weise sah; er wusste es auch nicht, was er dagegen unternehmen müsste.
Das, was er als dieses „neue Bewusstsein“ betrachtete, schien, jede alltägliche Tätigkeit zu erhöhen. Es schien, dem Kampf größere Bedeutung zu verleihen, dem Kampf, gut zu sein, Gott zu lieben, und dem ganzen Umfang geistlicher Ideale, die fast allen anderen anscheinend sinnlos waren, Ehre zu machen.
All seine echt engen Freunde, schien es, fand er in Büchern oder unter den Heiligen, zu denen er betete – und das war, natürlich, ein klares Zeichen der Probleme, die vor ihm lagen. Er verstand nicht, wie gefährlich es war, dass er nicht unter den Leuten, die um ihn herum waren, diese intellektuelle Gemeinschaft finden konnte, nach der er sich sehnte. In der Literatur und im Beten schien es ihm, dass etwas sehr viel Besseres existierte. Wenn er die Gefahr aber nicht verstand, wenigstens fragte er sich manchmal, ob er sich einer Illusion überließ, oder nicht. Natürlich waren alle, die um ihn herum waren, sich davon sicher, dass das der Fall war.
Er glaubte aber, dass, auch wenn es eine Illusion wäre, seine Freunde zu finden, wo er sie fand, er nicht auf sie verzichten würde. Mancher würde sagen, dass das sein fataler Irrtum sei.
Sicherlich, auf eine gewisse Art und Weise, fühlte er sich allein. Immer wieder aber, als er in die dunkle, ruhige Kirche in der Nähe von Harvard Square eintrat und vor dem Tabernakel saß, und als er den kleinen Vorhang ansah und wusste, dass es hinter diesen eine Öffnung gab, der Ewigkeit zu, fühlte er sich immer noch allein, ganz bestimmt, aber allein in der Gegenwart einer Person, die nach dem, was David glaubte, in gewisser Hinsicht vielleicht immer allein war. Ob er es deswegen verdient, oder nicht, von vernünftigeren Menschen verspottet zu werden, glaubte er, dass er allein war, mit jemandem, dessen Liebe es notwendig machte, dass er nach den höchsten Grundprinzipien lebe, die er kannte. Das war alles, was er damals wusste; es war alles, was er später wusste. Seiner Meinung nach waren diese Werte die einzigen, nach denen er leben konnte, egal wie unbeholfen er es tat und egal wie oft er damit scheiterte.
Diese Werte hat er schon früh erworben, und sie sind ein notwendiger Bestandteil von ihm geworden. Ohne diese Werte würde sein Leben keinen Sinn ergeben; ohne sie würde er selbst keinen Zweck haben. Als Kind, hatte er aus dem Katechismus gelernt, dass Gott ihn erschaffen hat, um Gott in diesem Leben zu kennen, zu lieben und ihm zu dienen und mit ihm im zukünftigen Leben für immer glücklich zu sein.
Ganz egal. was er tun oder denken oder sagen könnte – und ganz egal, wie töricht vernünftigere Menschen diese Ideen finden könnten – waren sie die echte Basis für seine Existenz. Er war sich nicht immer dieser Ideen bewusst und er lebte nicht immer, als ob er all ihre Implikationen verstünde, aber die übten einen tiefen, verborgenen Einfluss auf all sein Verhalten. Es ist wahrscheinlich nicht übertrieben, wenn man sagt, dass dies ein Einfluss wäre, dass ein so wichtiger Bestandteil seines Gedankens war, dass er glaubte, er könnte sich nicht davon befreien, ohne das ganze Fundament seiner Persönlichkeit zu zerstören.
Viele Jahre nach der Krise, die er in Harvard durchmachte und die sein Leben vielfältig änderte, auf eine Art und Weise, die er nicht vorausgesehen haben konnte, sagte ihm einmal einer seiner ehemaligen Professoren, „Es muss noch etwas in Ihrem Leben vorgekommen sein, als Sie damals in Harvard waren.“ David verneinte es, weil es ihm schien, dass irgendetwas dem Professor vorschwebte, dem David damals nicht zustimmen konnte. Auf irgendeine Art und Weise aber hatte dieser Professor Recht, denn es tatsächlich schien manchmal, dass eine ganz andere Wirklichkeit seine Existenz bedrängte und beeinflusste, so gründlich und eng, dass er sie als ein wesentlicher Bestandteil dieser Existenz betrachten musste, und nicht als das „etwas anderes“, an das der Professor dachte. David glaubte, dass es diese Wirklichkeit war, worauf sein Leben, seine Existenz und seine Identität schließlich gegründet worden waren.
Später, als die Jahre vergingen, glaubte er immer fester, dass diese Wirklichkeit einfach die Wirklichkeit Gottes sei, auf die unklare, wirre und fragmentarische Art und Weise wahrgenommen, wie bestimmte Menschen glauben, dass sie in diesem Leben Gott wahrnehmen.
Für ihn war Gott der absurd zerbrechliche Körper, diese im Tabernakel weggeschlossene Hostie, am Altar der Kirche in der Nähe von Harvard Square, wo nur eine einzige rote Kerze brannte. Das war das „etwas anderes“, das sein Leben enthielt, weil er glaubte, dass dort, vor ihm in der Kirche, hinter einem dünnen Schleier, Einer war, den kein Mensch jemals ergreifen könnte und dessen Wege kein Mensch jemals verstehen könnte. Da, am stillen Punkt – seines Erachtens – war der Anfang und das Ende des ganzen geschaffenen Universums.
In dieser Kirche fühlte er sich zu dem hingezogen, was er von Gott wusste, oder so es ihm schien. Er fühlte sich durch die Art Instinkt hingezogen, der die meisten Lebewesen dazu bringt, sich auf das Licht zu orientieren, obwohl später, und ziemlich lange, als es um echte erwachsene Entscheidungen ging, er sich als jemanden betrachten würde, der der Dunkelheit zugewandt hatte.
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Teil 1, Kapitel 7
„Wenn man nicht macht, was man als notwendig, wenn auch nur mit persönlichen Unannehmlichkeiten behaftet, erkannt hat, dann kann man irgendwann auch nicht mehr erkennen, was zu machen ist“.
–Horst-Eberhard Richter
Bedenken gegen Anpassung
Nach einer Woche von Orientierung für neue Studenten, am Abend des ersten Tages des Semesters, ging er wie üblich in den Speisesaal, der für Studienanfänger reserviert war. Es war das Ende eines hellen, warmen Frühherbsttages, und als er von seinem Harvard-Yard-Wohnheim ausging und sich umschaute, dachte er daran, wie viel die alten Gebäude selbst fast wie der Weisheit errichtete Denkmäler schienen, mit ihren „Veritas“-Wappen und dieser Aura des geheimnisvollen Versprechens, das er sehr bald verstehen würde – davon war er sich sicher.
Eigentlich im Speisesaal zu sein aber war eine weniger angenehme Erfahrung, als nach dem Speisesaal zu gehen.
Der Raum war enorm, riesig, und erinnerte ihn an den großen Saal, den die Ritter von irgendeinem nordischen Stamm benutzen, in einer angelsächsischen Saga. Die Atmosphäre war voll mit Lärm and dem Klang zahlloser Gespräche, geführt von jungen Menschen, die David gar nicht bekannt waren. Für einen Menschen wie ihn, der so schüchtern und unsicher war, war das eine Furcht erregende Situation, eine Qual, die er dreimal am Tag erleiden musste.
Natürlich, wenn es möglich war, versuchte er immer, sich zu Tisch zu setzen, wo es ein paar Leute gab, die er schon kannte. Das war aber nicht leicht, weil er nur wenige Leute kennen gelernt hatte. An diesem Abend sah David den älteren Studenten, der für das Harvard-Wohnheim, in dem er wohnte, zuständig war. Sein Name war Eric Billings und er war ein intelligenter, extravertierter Jurastudent. Er hat sich zu Tisch mit einigen Studienanfängern gesetzt, die David schon im Wohnheim gesehen hatte, und als David sich zu ihnen setzte, tat Eric alles, was er konnte, damit auch David an der Konversation teilnähme. Es fiel Eric wahrscheinlich nicht leicht, das zu tun, wegen Davids Scheuheit und seiner Naivität, zusammen mit der Art und Weise, wie er es erwartete, dass andere ihn ignorieren würden, wie seine Mutter und Stiefvater ihn immer ignorierten, als er mit ihnen zu Tisch war, in ihrem Haus. Wie er es oft tat, in solchen Situationen, so tat David jetzt, als wollte er wirklich unsichtbar sein. Er blickte die anderen kaum an. Eric aber grüßte ihn und stellte ihn allen vor.
David hörte einen Kommilitonen fragen, was er als Hauptfach studieren wollte. „Ich weiß es noch nicht“, sagte er und starrte seinen Teller an, mit gesenktem Kopf, ohne jemanden anzublicken, „aber ich glaube, es wird englische Literatur sein“. Plötzlich herrschte es Stille, oder so schien es David. Er fragte sich, ob er fortfahren sollte. Er warf einen kurzen Blick auf alle und dann fuhr fort zu reden, vielleicht ein bisschen zu laut, ein bisschen zu schnell. „Ich weiß nicht, warum genau ich englische Literatur als Hauptfach studiere. Es ist nur, dass, als ich in der Oberschule war, dieses Fach mir einfach gefiel – vielleicht weil es meinen Lehrern auch gefiel. Diese anscheinend dachten, man könnte irgendetwas über das Leben lernen, wenn man Literatur studierte.“
Einer der Anwesenden schnaubte ungläubig. „Mein Gott, gibt es immer noch Menschen, die der Meinung sind, dass sie irgendetwas über das Leben lernen können, wenn sie Literatur studieren?“ Die sarkastische Bemerkung brachte David dazu, unter den Tisch sinken zu wollen. „Ich davon aus“, fuhr die Stimme fort, „dass wir immer noch im Zeitalter der amerikanische Unschuld leben“.
Es war Eric, der mit seiner tiefen, ruhigen Stimme reagierte. „Oder es könnte sein, Parker, dass wir immer noch im Zeitalter der Großspurigkeit der heranwachsenden Snobs leben“.
Erics Bemerkung aber war zu spät. David war sich davon sicher, dass er etwas gesagt hätte, was nicht nur nicht wieder gutzumachend dumm war, sondern auch unverzeihlich blöd. Ein Gefühl, das Heranwachsende oft haben, ergriff ihn, ein Gefühl der Scham und Verlegenheit. Kritik verletzte ihn tief, wie immer. Andererseits haben ihm Lob und Ermutigung nie geholfen, denn er wusste, er würde diese im Nu vergessen. Irgendwie konnte er nicht glauben, dass er Lob und Ermutigung tatsächlich verdient hat.
Es sei wahrscheinlich die Wahrheit, dachte er bei sich. Vielleicht sei er doch völlig unerfahren, ein Unschuldiger. Er fragte sich aber, ob er sich deswegen schämen solle. Er fragte sich, warum es zu existieren scheint, im Verhalten unserer Spezies, eine Art Instinkt, der darauf zielt, Unschuld zu vernichten und Idealismus zu verhindern, zumal wo es sich um intelligente, junge Männer handelt, obwohl David sich in diesem Augenblick kaum als intelligenten jungen Mann betrachtete. Manchmal schien es ihm, dass dieser Instinkt eine Sehnsucht nach Rache darstellte, eine Sehnsucht – seitens anderer Menschen – das Zunichtemachen ihrer eigenen Unschuld zu kompensieren. Er dachte sich, dass es irgendwo in der menschlichen Psyche möglicherweise eine Art von primordialem Glauben existierte, nach dem das Fortbestehen der Unschuld, auch in einem einzigen Menschen, das Überleben aller gefährden könnte. Schien ein unschuldiger Mensch vielleicht einfach begriffsstutzig, damit man sich nicht auf ihn verlassen könnte, oder hielt man ihn für nicht schlau genug, um zu überleben?
(Fortsetzung folgt.)

